Eszter Vadász, Fachärztin für Sexualpsychologie
Die weitreichenden negativen Auswirkungen chronischer sexueller Störungen können die Lebensqualität im persönlichen und partnerschaftlichen Bereich erheblich beeinträchtigen. Vor allem die sexuelle Lust wird beeinträchtigt, da betroffene Paare möglicherweise Jahre früher als ihre gleichaltrigen Partner mit einem regelmäßigen Sexualleben aufhören müssen. Diese Verschiebung des Zeitpunkts ist auch für eine spät eingegangene Schwangerschaft nicht förderlich. Darüber hinaus sind die psychologischen Auswirkungen sexueller Störungen erheblich, z. B. die negativen Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sowie gleichzeitig festgestellte psychische Störungen (depressive und Angststörungen). Aus diesen Gründen ist eine schnelle und professionelle Abklärung sexueller Funktionsstörungen sowie eine wirksame Therapie für die Hilfesuchenden äußerst wichtig.
Als Sexualpsychologin, die mit Paaren arbeitet, bin ich Teil der Bemühungen, die von den Betroffenen mit sexuellen Schwierigkeiten unternommen werden, um ihre intime Beziehung und ihr Sexualleben zu verbessern. Im Folgenden möchte ich zusammenfassen, welche sexuellen Störungen wir in der Praxis am häufigsten antreffen und in welchem Zusammenhang diese mit der Fruchtbarkeit stehen.
Verminderter oder fehlender Sexualtrieb
Gemäß den diagnostischen Kriterien für eine Störung des Sexualtriebs bedeutet dies eine anhaltende oder wiederkehrende Verminderung oder das Fehlen des Verlangens nach sexueller Aktivität sowie sexueller Fantasien. Bei gesunden Paaren kommt es häufig vor, dass das sexuelle Verlangen auf Seiten des Mannes stärker ist und er häufiger Geschlechtsverkehr wünscht, wobei Männer diesem Bedürfnis in der Regel auch intensiver Ausdruck verleihen. Dies hat oft auch Auswirkungen auf die Beziehungsdynamik, da es vorkommen kann, dass die Partnerin diese Art der Kommunikation als Erwartung oder gar als Bedrängnis empfindet und sich mit ihrem Verhalten fast schon vor ihrem Partner zurückzieht. Interessanterweise kehrt sich die Situation oft um, wenn das Paar von Fruchtbarkeitsproblemen betroffen ist, und das Verlangen des männlichen Partners kann oft gering oder sogar minimal werden. Tatsächlich ist bei Unfruchtbarkeit gerade das verminderte Verlangen die häufigste sexuelle Störung. Diese Entwicklung ist nicht überraschend, wenn man die komplexe, psychisch belastende und ausgesprochen stressige Zeit berücksichtigt, die die Phase der Familienplanung darstellt. Ein auf die fruchtbare Phase ausgerichtetes Sexualleben ist dem spontanen Verlangen nicht förderlich, da zum gewünschten Zeitpunkt eine ausreichende Erektion und Ejakulation erreicht werden müssen. In solchen Fällen können die eigenen Erwartungen an die eigene Männlichkeit sowie die Ungeduld der Partnerin – selbst über einen längeren Zeitraum hinweg – beim Mann so starke Ängste auslösen, dass er unbewusst lieber den Geschlechtsverkehr vermeidet.
Der Mythos des spontanen Verlangens taucht in der Praxis ohnehin immer wieder auf, doch bei Fruchtbarkeitsproblemen lohnt es sich, ihm besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Neben dem spontanen Verlangen kann auch das sogenannte ausgelöste/getriggerte/sekundäre Verlangen auftreten, das keineswegs weniger wertvoll ist als das spontane. Das bedeutet lediglich, dass das sexuelle Verlangen unter dem Einfluss von Erregung oder währenddessen entsteht und nicht umgekehrt. Dies kann eine völlig normale, gesunde sexuelle Funktion sein; wichtig ist, dass wir uns gegenseitig kein spontanes Verlangen abverlangen!
Das Wissen um und die Anerkennung der Natur des ausgelösten Verlangens sowie die Tatsache, dass die Partnerin während der fruchtbaren Phase nicht in Erwartungen denkt, sondern – hoffentlich ähnlich wie bei ihrer früheren sexuellen Funktionsweise – mit Zärtlichkeit und Verführung versucht, die Initiative zu ergreifen: Das reicht oft schon aus, um das geringe Verlangen des Paares wieder ins Lot zu bringen. Dazu ist natürlich die bewusste Entscheidung beider Partner notwendig, auch außerhalb der fruchtbaren Phase miteinander zu schlafen, wobei dann lediglich das gegenseitige, verspielte Lustempfinden das Ziel ist.
Erektionsstörung
Unter dem Begriff „Erregungs- oder Bereitschaftsstörung“ verstehen wir eine verminderte oder fehlende körperlich-psychische Reaktion auf sexuelle Reize; bei Männern äußert sich dies in einem teilweisen oder vollständigen Ausbleiben der Peniserektion und des Hodenanstiegs.
Ähnlich wie bei der Luststörung kann auch hier die von Männern häufig empfundene, mit Sexualität verbundene Angst im Hintergrund stehen. Vor allem dann, wenn der männliche Partner dazu neigt, dies mit Leistung zu verknüpfen. Die meisten Männer kämpfen nämlich stark damit, was sie in ihrer Arbeit, zu Hause, in ihren Beziehungen, mit ihrem Auto usw. erreichen. Diese Art starker Leistungsorientierung kann z. B. im Bereich des Sex bis zum Äußersten gehen: In der Sexualität wird ausschließlich die Penetration als eigene Erwartung gesehen, gefolgt vom eigenen Orgasmus während des Geschlechtsverkehrs
sowie dem gemeinsamen Orgasmus mit der Partnerin. Abgesehen davon, dass das Erreichen eines ausschließlich gleichzeitigen Orgasmus eine unnötige Mythenbildung ist, kann schon die Penetration selbst ausbleiben, wenn die Erektion aufgrund von Angstzuständen ausbleibt. All dies kann während der Zeit der Kinderwunschphase durch die Erwartung der Empfängnis noch übertroffen werden. Das ultimative Leistungsziel ist also ein lebensfähiger Fötus: Dadurch steigt auch die Gefahr einer Erregungsstörung.
Erektionsstörungen lassen sich am besten durch Stressabbau beheben: angefangen bei einem Umfeld, das von angemessenen, angenehmen Reizen geprägt ist, über die Beherrschung von Entspannungstechniken und die Vertiefung des Körperbewusstseins bis hin zu einer beruhigenden und ermutigenden Partnerin. Bei Paaren mit Fruchtbarkeitsproblemen lohnt es sich besonders, auf die Bedeutung des häufigen „Lustsex“ hinzuweisen (gegenseitige Lustbefriedigung während der unfruchtbaren Phase).
Orgasmusstörungen bei Männern
Bei Männern kann von einer vorzeitigen oder verzögerten (hemmen oder gänzlich fehlenden) Ejakulation gesprochen werden.
Die vorzeitige Ejakulation ist die häufigste sexuelle Funktionsstörung bei Männern; sie tritt häufig auch bei unfruchtbaren Paaren auf – viele erreichen keinen Orgasmus in der Vagina. Da Paare oft einfallsreich sind, bleibt diese Art von Störung dem Fachmann oft verborgen, und das Paar sucht erst dann Hilfe, wenn es ein Kind haben möchte. Neben dem Stressabbau ist es in solchen Fällen wichtig, die Dynamik der Partnerschaft zu betrachten und sich der tatsächlichen Absichten hinsichtlich der Kinderwunsch bewusst zu werden. Für beide Partner kann eine körperorientierte Therapie sehr hilfreich sein, in der sie lernen, die körperlichen Vorzeichen eines bevorstehenden Orgasmus zu beobachten, sich dieser bewusst zu werden und das sogenannte „Edging“ zu praktizieren: die bewusste Verzögerung des Orgasmus.
Verzögerte Ejakulation: Früher gab es nur vereinzelt Männer, die von dieser Störung betroffen waren, doch in den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Männer mit verzögerter Ejakulation gestiegen – eine Folge des weit verbreiteten Konsums von Pornografie und des gleichzeitigen Konsums verschiedener bewusstseinsverändernder Substanzen. In solchen Fällen erfolgt die Ejakulation sehr spät, möglicherweise nicht in der Vagina oder gar nicht. Verständlicherweise kann diese Art von Dysfunktion eine natürliche Empfängnis unmöglich machen. Auch in solchen Fällen können gemeinsame, Geduld erfordernde Beziehungsarbeit mit dem Paar sowie vollständige Abstinenz zu langfristigen Ergebnissen führen.
